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Freundeskreis Elmau
Wie ein Samenkorn im Wind
4.Elmauer Jugenddialog 2004 "Toleranz zwischen Tugend und Torheit"
Nachdem Robert Leicht den Toleranzbegriff aus der Geschichte hergeleitet, Pater Bily ihn von der Seite der Religion und Prof. Lachenmann aus der Sicht der Kunst - speziell der Musik - betrachtet hatte, wandte sich die lesbische Schriftstellerin Sandra Wöhe (geb. 1959) der ganz persönlich erlebten oder eben vermissten Toleranz zu. Dabei gewährte sie den Jugendlichen tiefe Einblicke in ihr ereignisreiches Leben, ihre Entwicklung, ihre faszinierende Familiengeschichte. Aber sie fragte auch die Jugendlichen nach Beispielen erlebter Toleranz bzw. nach Momenten in ihrem Leben, in denen sie sich mehr Toleranz gewünscht hätten. Die Jugendlichen offenbarten dabei Lebensstationen und Erfahrungen, die sie von ganz anderen Seiten zeigten, als es die Tage des Jugenddialogs bis zu diesem Zeitpunkt vermocht hatten.
Großen Raum nahm die Frage ein: Ist es eigentlich wichtig, Wurzeln zu haben? Sandra Wöhes Mutter ist die Tochter eines Holländers und einer lndonesierin, der Vater Sohn eines Chinesen und einer Indonesierin, Aufgewachsen ist sie in Holland und Deutschland, lebt heute in der Schweiz. In Europa gilt die lesbische Schriftstellerin als Asiatin, in Indonesien als Europäerin. Sie gehört - so ihr eigenes Fazit - so ziemlich vielen Randgruppen an, die man sich so denken kann. Wie entwickelt man da Identität? Wo ist ihr Zuhause? Sandra Wöhe hat es aufgegeben, nach Wurzeln zu suchen. Sie sieht sich vielmehr als Samen, den der Wind trägt. Heimat ist für sie kein Land, sondern der Ort, an dem ihre Freunde leben, die jetzt auch ihre Familie sind.
Obwohl sie es ganz schick findet, manchen Randgruppen anzugehören, weil man da bestimmte Sachen nicht machen muss und mehr Freiheiten hat; sich einen eigenen Weg, eigene Lösungen zu suchen; gestand Sandra Wöhe, dass sie auch manchmal der breiten Masse angehören und nicht auffallen möchte, denn auch das gibt eine Art von Geborgenheit. Sie bedauert, dass sich viele Menschen hinter imaginären "Schildern" verstecken, mit denen sie sich selbst zu bestimmten Kategorien zuordnen und ihrem Gegenüber nicht mehr so offen entgegen treten, wie sie es sich wünscht - Akademiker, Schriftsteller, Lesbe, Jude...
Der Gesprächspartner weiß damit sofort, dass einige Themen und Fragen gemieden werden sollten.
Und doch: Sandra Wöhe ist überzeugt, dass jeder Schicksalsschlag, jede "Weiche", die das Leben stellt, letztlich zu einem guten Ende führen kann.
Heike Berthold,Blätter des Freundeskreises Elmau, 53. Jahrgang NR.1, Dezember 2004